Entbehrung bedeutet Stärkung
Entbehrung kann uns stärken, sie stärkt uns aber nicht automatisch. Entscheidend ist, wie viel Entbehrung wir unter welchen Umständen erleben und wie wir damit umgehen. Wenn uns etwas fehlt, egal ob Sicherheit, Anerkennung, Geld, Nähe, Freiheit oder eine bestimmte Möglichkeit, können wir gezwungen sein, Fähigkeiten zu entwickeln, die wir sonst vielleicht nie gebraucht hätten. Wir können lernen mit weniger auszukommen unsere Prioritäten zu erkennen, oder dass wir Geduld und Durchhaltevermögen entwickeln, oder dass wir uns vielleicht stärker auf unsere Fähigkeiten verlassen. Wir können Probleme selbstständig lösen, wissen Dinge mehr wertzuschätzen, die früher vielleicht ganz selbstverständlich waren, oder wir werden emotional widerstandsfähiger und finden heraus, was uns wirklich wichtig ist. Wenn wir mal eine längere Zeit auf etwas verzichten müssen, merken wir manchmal später, dass wir eigentlich viel weniger brauchen, als wir dachten. Diese Erkenntnis kann eine Form von innerer Stärke sein. Ein besonders gutes Zeichen ist unsere Selbstwirksamkeit: „Ich habe schwierige Dinge erlebt und weiß inzwischen, dass ich mit Schwierigkeiten umgehen kann.“ Doch Entbehrungen sind natürlich nicht automatisch gut für uns. Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Denn Leid macht uns nicht zwangsläufig stärker. Schwere oder langanhaltende Entbehrung können in uns genauso Angst, Misstrauen, Erschöpfung oder andere Verletzungen hinterlassen. Entbehrung kann uns stärken, wenn wir sie verarbeiten und aus ihr etwas entwickeln können. Und manchmal zeigt sich unsere gewonnene Stärke sogar darin, dass wir nicht mehr alles aushalten wollen. Zu erkennen, dass wir dies nicht noch einmal durchmachen wollen, kann genauso ein Zeichen unserer Stärke sein.