Grenze zwischen Durchsetzungskraft und Rücksichtslosigkeit
Die Grenze liegt meines Erachtens vor allem darin, wie wir unsere eigenen Interessen vertreten und wie wir dabei mit den Interessen anderer umgehen.
Gesunde Durchsetzungskraft bedeutet, dass für uns unsere Bedürfnisse, Wünsche und Grenzen wichtig sind – doch die anderer ebenfalls. Wir können klar sagen, was wir möchten, eine Entscheidung vertreten oder „Nein“ sagen, ohne den anderen abzuwerten. Dabei müssen wir auch nicht darauf bestehen, dass der andere unsere Sichtweise übernimmt.
Egoismus beginnt dort, wo unsere eigenen Interessen grundsätzlich Vorrang vor denen anderer bekommen. Ein egoistisches Verhalten zeigt sich darin, dass wir die Bedürfnisse anderer nicht akzeptieren oder berücksichtigen. Ihre Bedürfnisse oder Meinungen werden von uns zwar wahrgenommen, doch wir schenken ihnen keine Aufmerksamkeit.
Rücksichtslosigkeit geht dann noch einen Schritt weiter. Hier werden die Grenzen oder Gefühle anderer möglicherweise bewusst ignoriert oder verletzt, um unser eigenes Ziel zu erreichen. Durchsetzungsfähigkeit machen wir dann zu einem Mittel, andere zu überwältigen.
Ein hilfreicher Unterschied liegt für mich darin, dass Durchsetzungskraft nicht unbedingt den Sieg sucht, sondern Klarheit. Wir dürfen und sollten für uns einstehen, ohne den oder die anderen besiegen zu müssen.
Wenn wir uns fragen: „Können wir unsere Position vertreten und gleichzeitig akzeptieren, dass der andere eine andere Position haben?“ Und unsere Antwort ja ist, spricht das für eine gesunde Durchsetzungskraft.
Und noch etwas ist ganz wichtig. Unsere Rücksichtnahme bedeutet nicht, uns selbst aufzugeben. Wenn wir immer nachgeben, um Konflikte zu vermeiden, ist dies nicht automatisch besonders rücksichtsvoll. Auch das kann auf Dauer leider sehr ungesund sein. Manchmal ist ein klares „Nein“ von uns sogar die ehrlichere und respektvollere Haltung – gegenüber uns und gegenüber den anderen.
Vielleicht lässt sich die Grenze sogar kompakt in einem Satz zusammenfassen. Gesunde Durchsetzungskraft sagt: „Ich bin wichtig.“ Egoismus sagt: „Ich bin wichtiger.“ Rücksichtslosigkeit sagt: „Nur ich bin wichtig.“