Midlife-Crisis
Eine Midlife-Crisis ist selten ein plötzlicher Zusammenbruch. Meist beginnt sie leise. Wir funktionieren nach außen weiter, unsere Arbeit, unser Alltag, unsere Gespräche bleiben gleich, aber innen verschiebt sich etwas. Dinge, die früher selbstverständlich waren, fühlen sich plötzlich fragil an. Wir haben Ziele erreicht, von denen wir dachten, sie würden uns dauerhaft erfüllen. Und trotzdem kommt ein leiser Gedanke: „War das jetzt alles?“ Das ist kein Zeichen von Undankbarkeit. Psychologisch gesehen passiert hier etwas ziemlich Normales. In der ersten Lebenshälfte bauen viele von uns ihre Identität über Rollen auf. Durch Leistung, Beziehung, Status und Erwartungen anderer. Irgendwann merkt unser Gehirn, diese Rollen beantworten nicht mehr die Frage nach Sinn oder Authentizität. Dann beginnt für uns eine Phase der Neubewertung. Und die fühlt sich oft unbequem an. Wir vergleichen unser jetziges Leben mit früheren Möglichkeiten nicht nur rational, sondern emotional. Entscheidungen aus unserer Vergangenheit tauchen wieder auf und wirken schwerer als früher. Unsere Erfolge verlieren etwas von ihrem Glanz, während unsere ungelösten Sehnsüchte lauter werden. Eine Midlife-Phase ist psychologisch eher eine Identitäts-Neuordnung als eine Krise im klassischen Sinn. Oft taucht der Wunsch, etwas Echtes zu hinterlassen oder endlich authentisch zu leben auf. Wir führen gleichzeitig ein gutes Leben haben und fühlen uns innerlich leer. Diese beiden Dinge schließen sich nicht aus. Eine Midlife-Crisis bedeutet nicht automatisch, dass unser Leben falsch ist.Oft bedeutet sie nur, dass unser inneres System sich weiterentwickelt hat, aber unser äußeres Leben noch auf einer älteren Version basiert. Die impulsiven Klischees, ein neuer Partner, radikale Entscheidungen und alles hinschmeißen sind meistens Versuche, ein inneres Spannungsgefühl schnell zu lösen. Kurzfristig fühlt sich das wie eine Befreiung an, doch langfristig geht es eher darum, sich selbst neu kennenzulernen, nicht nur sein Umfeld zu wechseln.
