Fabulieren – Geschichten erzählen
Wir alle neigen zum Fabulieren und zum Geschichten-Erzählen, weil unser Gehirn darauf ausgerichtet ist, Erlebnisse einzuordnen, Zusammenhänge herzustellen und Erklärungen zu finden. Wir mögen keine Ungewissheit und keine offenen Fragen. Deshalb ergänzt unser Denken häufig das, was wir tatsächlich wahrnehmen, um unsere Vermutungen, Interpretationen und unsere eigenen Vorstellungen. Aus einzelnen Beobachtungen entsteht so eine Geschichte, die für uns Sinn ergibt – auch wenn sie nicht unbedingt der Wirklichkeit entspricht.
Ein wichtiger Grund dafür sind unsere Erfahrungen und inneren Überzeugungen. Wir betrachten die Welt durch unsere persönliche Lebensgeschichte. Frühere Verletzungen, Ängste, Wünsche und Erwartungen beeinflussen, wie wir Situationen deuten. Manchmal übertragen wir Vergangenes auf die Gegenwart oder vermuten bei anderen Menschen Absichten, ohne sie wirklich zu kennen. Wir erzählen uns dann eine Geschichte, die zu unserem inneren Erleben passt.
Auch unsere Gefühle spielen eine große Rolle. Wenn wir uns unsicher, verletzt, nicht gesehen oder abgelehnt fühlen, versuchen wir häufig, durch Erklärungen wieder Kontrolle und Sicherheit zu gewinnen. Das Fabulieren kann uns dabei unbewusst helfen, unangenehme Gefühle zu vermeiden oder ein bestimmtes Selbstbild von uns aufrechtzuerhalten. Wir halten unsere Gedanken dann leicht für Tatsachen, obwohl sie lediglich unsere persönliche Interpretation darstellen.
Bewusstheit entsteht, wenn wir lernen, zwischen Realität und unserer eigenen Geschichte zu unterscheiden. Wir können uns fragen: Was weiß ich wirklich? Was habe ich tatsächlich wahrgenommen? Und was habe ich in Gedanken hinzugefügt? Diese kleine Unterscheidung hilft uns, offener, klarer und authentischer mit uns selbst und anderen umzugehen. Denn nicht jede Geschichte, die wir uns erzählen, ist auch die Wahrheit. Manchmal ist sie lediglich der Versuch unseres Verstandes, dem Unbekannten eine Bedeutung zu geben.