Anderen die Schuld zu geben, dahinter stehen verschiedene grundlegende psychologische Mechanismen. Wir haben ein starkes Bedürfnis, unser Selbstbild als „gut“ und „kompetent“ zu erhalten. Wenn etwas schiefläuft, fühlt es sich unangenehm an, die eigene Verantwortung zu erkennen („Ich habe einen Fehler gemacht“). Deshalb verlagern wir die Schuld nach außen, so vermeiden wir das Spannungsgefühl, wenn wir etwas tun, das nicht mit unserem eigenen Selbstbild übereinstimmt. Ein sehr schönes Beispiel ist das Folgende: „Das Projekt ist gescheitert, weil die anderen nicht mitgezogen haben.“ In Gruppen oder Organisationen spielt unsere soziale Stellung eine Rolle. Wenn wir Fehler zugeben, kann das als Schwäche wahrgenommen werden, also machen wir lieber jemand anderes verantwortlich, um unser Ansehen zu wahren. Selbstkritik und Reflexion fordern von uns emotionale Reife und Mut. Viele von uns sind es nicht gewohnt, ihre eigenen Anteile zu betrachten oder wir haben es nie gelernt, konstruktiv mit unseren Fehlern umzugehen. Deshalb greifen wir auf die einfachere, kurzfristig entlastende Strategie zurück, wir externalisieren unsere Schuld auf andere. Auch Angst vor Konsequenzen kann ein Grund sein. In manchen Kontexten, wie in unseren Familien, der Schule oder im Beruf, kann ein Fehler Strafe, Scham oder Ablehnung bedeuten. Schuldzuweisungen sind dann ein Schutzmechanismus, um uns vor negativen Folgen zu bewahren. Wenn wir wenig Vertrauen in andere oder in unsere zwischenmenschlichen Beziehungen haben, fällt es uns schwerer, auch mal gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Dann kommen wir leicht auf die Idee, Schuld zu einem „Instrument“ zu machen, um Kontrolle oder Macht zu behalten. Also, unser Bedürfnis, anderen die Schuld zu geben, ist menschlich, aber auf Dauer ungesund. Als reife Menschen sollten wir lernen, Verantwortung zu übernehmen, ohne uns selbst zu verurteilen. Das setzt natürlich Selbstmitgefühl, emotionale Sicherheit und Mut zur Selbstreflexion voraus.
Anderen die Schuld geben
8. November 2025
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