Es gibt keine allgemeingültigen Regeln dafür, was man ertragen kann oder muss. Doch natürlich haben schon verschiedene Traditionen versucht, Kriterien dafür zu entwickeln. Zunächst lohnt es sich für uns, zwischen den beiden Begriffen zu unterscheiden. „Ertragen können” beschreibt eine Fähigkeit oder Grenze. Sie ist natürlich individuell. Was der eine aushält, kann einen anderen total überfordern. „Ertragen müssen” ist eher eine normative Aussage. Sie fragt danach, ob wir eine Verpflichtung haben, etwas hinzunehmen, statt uns dagegen zu wehren oder dass wir es verändern wollen. Etwas zu ertragen heißt natürlich nicht einfach, dass wir passiv leiden. Es kann bedeuten, dass wir auch mal Schmerz oder Verlust aushalten. Oder wir müssen mal eine unangenehme Situation vorübergehend annehmen, weil sie nicht sofort geändert werden kann. Wir können auch mal bewusst auf eine impulsive Reaktion verzichten. Ertragen ist also für uns eine Form des Umgangs mit der Wirklichkeit, also weder bloße Resignation noch zwangsläufig Mut. Was wir ertragen können oder müssen, ist natürlich ein wichtiger Unterschied. Denn es gibt Situationen, in denen Ertragen Ausdruck von unserer Stärke ist. Es gibt aber ebenso Situationen, in denen nicht zu ertragen, also Grenzen zu setzen, Hilfe zu suchen oder Widerstand zu leisten, die stärkere und angemessenere Entscheidung von uns ist. Wir könnten uns sagen, ertrage, was sich im Moment nicht ändern lässt. Verändere, was sich ändern lässt. Und wir prüfen immer wieder, ob das Ertragen noch unserem Leben dient oder nur unnötiges Leid verlängert. Letztendlich ist „ertragen müssen” keine objektive Regel, sondern eine Frage von unserer Verantwortung, unseren Möglichkeiten, unsere Werten und unseren eigenen Grenzen. Deshalb lässt sie sich sehr schwer abstrakt beantworten, sondern eigentlich immer nur im Zusammenhang mit einer konkreten Situation.