Unsere Erfahrungen, unsere Entscheidungen und unsere Begegnungen formen uns. Niemand von uns ist von Anfang an derjenige, der er heute ist, wir werden es Schritt für Schritt und es geht natürlich auch noch weiter. Unsere Vergangenheit erklärt unsere Gegenwart, ohne sie jedoch vollständig festzulegen. Unsere Erziehung, Kultur und unsere Werte prägen uns, doch wir entwickeln natürlich auch unsere eigenen Überzeugungen. Auch unsere Krisen und Rückschläge sind oft entscheidende Wendepunkte die uns prägen. Manche unserer Wege wählen wir bewusst, andere ergeben sich aus den gegebenen Umständen. Wichtig ist hierzu auch, dass unsere Identität kein fester Kern ist, sondern ein fortlaufender Prozess. Denn wir bestehen aus Erinnerungen, Beziehungen, Entscheidungen, Zufällen – und aus all den Möglichkeiten, die wir nicht gewählt haben. Unser „Ich“ ist hier weniger ein Denkmal als eine Landschaft, die ständig in Bewegung ist, geformt durch den Wind, das Wasser und die Zeit. Spannend ist auch, dass wir uns selbst oft nur aus der Gegenwart beurteilen. Wir sehen unsere Stärken und Schwächen, unsere Erfolge und Fehler. Doch wenn wir zurückschauen, erkennen wir vielleicht, dass vieles eine Antwort auf etwas Bestimmtes war. Manche unsere Stärken entstand aus einer Verletzung. Manche unserer Ängste aus einer Enttäuschung. Unsere Gelassenheit vielleicht aus einem langen Ringen. Und unsere Liebe aus dem Erleben von Verlust. Wenn wir es so sehen, verändert sich auch unser Blick auf andere. Statt zu fragen: Warum ist dieser Mensch so?, fragen wir: Was könnte ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist? Das schafft Verständnis, ohne dass wir alles entschuldigen. Wir erzählen uns immer rückblickend unsere Geschichte, die unser Leben dann sinnvoll erscheinen lässt. Doch während wir leben, kennen wir unsere Geschichte noch gar nicht. Erst im Rückblick verbinden wir die Punkte und nennen es unseren Weg. Spannend, oder? Schließlich bleibt uns noch eine hoffnungsvolle Erkenntnis – Wenn wir geworden sind, was wir heute sind, dann sind wir auch morgen noch im Werden. Unsere Geschichte ist nicht abgeschlossen. Unsere Identität ist kein Endpunkt, sondern ein fortlaufendes Gespräch zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Deshalb empfinde ich den Satz weniger als Rückschau denn als Einladung. Denn jeder Tag schreibt weiter an der Antwort auf die Frage, wer wir sind.