Wenn wir uns „zerrissen“ fühlen, weil der Schmerz uns innerlich auseinanderzieht, steckt psychologisch meistens eine Mischung aus Bedrohungsreaktion, innerem Konflikt und Überforderung der Affektregulation dahinter. Der Schmerz wirkt dann nicht nur als Gefühl, sondern als „Ereignis“, das unser ganze System übernimmt. Häufig haben wir zwei gleichzeitig aktive Bedürfnisse wie Nähe und Bindung oder gleichzeitig Sicherheit und Abstand. Dies Erleben entsteht, wenn unser Nervensystem zwischen diesen Polen nicht entscheiden kann oder wenn beides gleichzeitig „zwingend“ wirkt. Oder Schmerz, vor allem emotionaler Schmerz nach einer Kränkung, einem Verlust oder Ablehnung werden von unserem System oft wie eine akute Gefahr gelesen. Dann steigt unsere Erregung, unser Denken wird enger, und das Gefühl kann „zerreißend“ wirken, weil wir innerlich zwischen Angriff, Flucht oder Erstarren schwanken. Auch wenn ein Gefühl zu stark ist oder zu lange ungebändigt bleibt, kann es sein, dass wir es kaum „ordnen“ können. Psychologisch klingt das dann nach einer Spaltung von Zuständen. Ein Teil will durchhalten, ein Teil will wegrennen, ein Teil will Nähe und keiner bekommt genug Steuerung. Beim Zerrissen-Sein fehlen uns manchmal klare, konsistente Antworten, wir fragen uns: Was ist Tatsache? Was ist Interpretation? Was brauche ich wirklich? Diese Unklarheit verstärkt das Gefühl von Auseinanderfallen, weil unsere Selbstwahrnehmung und unser Handlungsimpuls nicht zusammenpassen. Wenn wir sozial angepasst „funktionieren“, „stark sind“, „nicht nerven“, während innen etwas anderes dringend ist, entsteht ein Spannungsfeld in uns. Dieses Spannungfeld können wir als „zerreißend“ erleben, weil zwei innere Regelsysteme gegeneinander arbeiten. In manchen Fällen erinnert der Schmerz uns unbewusst an frühere Erfahrungen, in denen unsere Gefühle nicht sicher oder nicht beantwortbar waren. Dann feuern wir alte Schutzstrategien an, aber die aktuelle Situation ist „anders“ und genau das macht unser inneres Ringen so intensiv. Was uns spontan hilft, wir können den Affekt herunter regeln, bevor wir ihn analysieren, z.B. in dem wir 60-90 Sekunden unseren Fokus auf das Ausatmen legen und danach erst reflektieren. Oder in dem wir ein Bedürfnis priorisieren, Was ist heute die dringendste Sicherung für mich? Oder auch ein Mini-Schritt, indem wir 2-5 Minuten etwas tun, das dem Bedürfnis entspricht. Vielleicht eine Nachricht formulieren, etwas Abstand schaffen oder auch etwas Körperliches tun. Doch Achtung! Wenn unser „Schmerz“ mit starken Selbstverletzungsimpulsen, Kontrollverlust oder akuter Gefahr einhergeht, ist sofortige professionelle Hilfe bzw. eine Notfallunterstützung der richtige Weg.
Zerrissen fühlen
25. April 2026
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